Motorrad - Enduroreifen in 120/70 R 19 und 170/60 R 17 Testsieger

Enduroreifen in 120/70 R 19 und 170/60 R 17 im Test-Vergleich von Motorrad

Motorrad

07/2026 - Motorrad

Der schmale Grat zwischen Grip und Vielseitigkeit

In der Welt moderner Reiseenduros entscheidet der Reifen oft darüber, ob eine Fahrt souverän oder unsicher wirkt. Gerade im Segment der sogenannten 90/10-Reifen – also Pneus, die überwiegend für die Straße entwickelt wurden, aber auch Abstecher ins Gelände erlauben – zeigt sich, wie schwierig dieser Spagat ist. Die aktuelle Testreihe des Magazins Motorrad nähert sich diesem Thema mit einem klar strukturierten Ansatz und legt den Fokus auf praxisnahe Unterschiede.

Im Zentrum steht dabei nicht nur die reine Performance, sondern vor allem das Fahrgefühl: Wie präzise lässt sich ein Motorrad einlenken? Wie stabil bleibt es bei hoher Geschwindigkeit oder auf nasser Fahrbahn? Und wie viel Vertrauen vermittelt der Reifen in Grenzsituationen?

Testmethodik: Messwerte treffen auf Fahrgefühl

Die Redaktion kombiniert objektive Messungen mit subjektiven Eindrücken erfahrener Testfahrer. Gefahren wurde unter kontrollierten Bedingungen – sowohl auf trockener als auch auf nasser Strecke. Ergänzt wurden die Eindrücke durch Datenerfassung, die etwa Schräglagen, Bremsverhalten und Kurvengeschwindigkeiten dokumentiert. Auffällig ist, dass die Tester großen Wert auf den sogenannten Grenzbereich legen. Also genau jene Momente, in denen ein Reifen an seine Haftungsgrenzen kommt. Hier entscheidet sich, ob ein Produkt lediglich funktioniert oder echtes Vertrauen vermittelt. Gleichzeitig fließt die Alltagstauglichkeit stark in die Bewertung ein – etwa bei Regen oder wechselnden Straßenverhältnissen.

Straßenreifen im Detail: Präzision als Schlüsselkompetenz

Innerhalb der klassischen Straßenreifen kristallisiert sich ein enges Spitzenfeld heraus. Der Dunlop Roadsmart IV setzt sich letztlich knapp durch, nicht weil er in einer Disziplin deutlich überlegen wäre, sondern weil er sich kaum Schwächen leistet. Sein Verhalten wirkt in nahezu allen Situationen kontrollierbar und vorhersehbar, was gerade bei wechselnden Bedingungen ein entscheidender Vorteil ist. Der Bridgestone T33 bleibt ihm dicht auf den Fersen und überzeugt vor allem durch seine gutmütige Abstimmung. Er verzeiht Fehler eher und spricht damit eine etwas breitere Zielgruppe an. Der Metzeler Roadtec 02 hingegen wirkt spürbar sportlicher. Er verlangt dem Fahrer etwas mehr Aufmerksamkeit ab, belohnt dies jedoch mit hoher Stabilität bei dynamischer Fahrweise.

Was alle drei Modelle eint, ist ihre klare Ausrichtung auf Asphalt. Sie bieten hohe Haftung, präzise Rückmeldung und ein insgesamt sehr stabiles Fahrverhalten – Eigenschaften, die besonders bei höheren Geschwindigkeiten und langen Touren entscheidend sind.

Schotterorientierte Reifen: Kompromisse sichtbar gemacht

Sobald der Fokus in Richtung Gelände verschoben wird, verändert sich das Bild deutlich. Reifen wie der Michelin Anakee Adventure 2, der Pirelli Scorpion Rally STR oder der Mitas Enduro Trail Adventure 2 verfolgen einen anderen Ansatz. Hier geht es nicht mehr nur um maximale Haftung auf Asphalt, sondern um Vielseitigkeit.

Der Michelin gelingt dieser Balance am besten. Er wirkt auf der Straße vergleichsweise stabil und bietet dennoch ausreichend Reserven für lose Untergründe. Gerade diese Ausgewogenheit verschafft ihm im Test einen Vorsprung. Die Konkurrenz zeigt hingegen klarere Kompromisse. Beim Pirelli und Mitas fällt auf, dass sie auf Asphalt weniger präzise arbeiten. Die Rückmeldung ist indirekter, das Fahrverhalten in Schräglage weniger stabil. Dafür bieten sie Vorteile, sobald der Untergrund unbefestigt wird. Diese Unterschiede machen deutlich, dass die Konstruktion eines Reifens immer ein Zielkonflikt bleibt. Mehr Offroad-Kompetenz bedeutet fast zwangsläufig Abstriche auf der Straße.

Nässe als Prüfstein: Wenn Vertrauen entscheidend wird

Besonders deutlich treten die Unterschiede im Nass-Test zutage. Hier zeigt sich, wie gut ein Reifen mit reduzierter Haftung umgehen kann. Die Straßenreifen spielen in dieser Disziplin ihre Stärken voll aus. Sie bleiben stabil, lassen sich präzise steuern und vermitteln auch bei schwierigen Bedingungen ein hohes Maß an Sicherheit. Die schotterorientierten Modelle geraten dagegen früher an ihre Grenzen. Das äußert sich weniger in dramatischen Ausbrüchen, sondern eher in einem schleichenden Verlust an Präzision. Das Motorrad wirkt weniger exakt, Korrekturen werden häufiger nötig. Interessant ist jedoch, dass der Michelin auch hier positiv auffällt. Er nähert sich den Straßenreifen stärker an als seine direkten Wettbewerber und bestätigt damit seinen Anspruch als Allrounder.

Trockentest: Dynamik und Fahrspaß im Fokus

Auf trockener Strecke verschiebt sich die Gewichtung etwas. Hier stehen Fahrdynamik und sportliches Verhalten stärker im Vordergrund. Die Straßenreifen zeigen sich erneut überlegen, insbesondere wenn es um hohe Kurvengeschwindigkeiten und exakte Linienführung geht. Der Dunlop wirkt dabei besonders neutral, während der Metzeler mit seiner sportlichen Auslegung punktet. Der Bridgestone bleibt die komfortablere Alternative, ohne dabei an Leistungsfähigkeit einzubüßen.

Die schotterorientierten Reifen wirken dagegen insgesamt beweglicher. Dieses Mehr an Bewegung kann im Gelände von Vorteil sein, führt auf Asphalt jedoch zu einem weniger präzisen Fahrgefühl. Für ambitionierte Straßenfahrer ist das spürbar, für Gelegenheitsfahrer möglicherweise weniger relevant.

Einordnung: Für wen eignet sich welcher Reifen?

Die Ergebnisse lassen sich nur sinnvoll interpretieren, wenn man den Einsatzzweck berücksichtigt. Wer überwiegend auf Asphalt unterwegs ist, wird mit einem klassischen Straßenreifen die deutlich besseren Fahreigenschaften erleben. Hier zählen Präzision, Stabilität und Vertrauen – Eigenschaften, die in kritischen Situationen entscheidend sind. Sobald jedoch regelmäßig unbefestigte Wege ins Spiel kommen, verschiebt sich die Priorität. Dann gewinnt Vielseitigkeit an Bedeutung, auch wenn dafür gewisse Einbußen auf der Straße in Kauf genommen werden müssen. Genau hier positioniert sich der Michelin als überzeugender Kompromiss.

Fazit: Klare Unterschiede, klare Empfehlungen

Die Testreihe macht deutlich, dass moderne Motorradreifen hoch spezialisierte Produkte sind. Die Unterschiede liegen weniger in einzelnen Extremwerten, sondern vielmehr im Gesamtcharakter. Während Straßenreifen durch Präzision und Stabilität überzeugen, bieten schotterorientierte Modelle zusätzliche Flexibilität auf Kosten der Exaktheit.

Am Ende steht keine universelle Lösung, sondern eine bewusste Entscheidung. Wer seine Anforderungen kennt, kann aus dem aktuellen Angebot gezielt wählen – und damit das Fahrverhalten seines Motorrads maßgeblich beeinflussen.

nach oben